Jahrzehntelang suchte man einen Sender auf der Skala. Heute fragt man einen Sprachassistenten, wählt ihn in einem Aggregator aus oder tippt ihn auf dem Display eines vernetzten Autos an. Das war die Kernaussage von Rechtsanwalt Massimo Lualdi, Gründer von Consultmedia und Leiter von Newslinet, am 29. Oktober 2026 in Mailand bei einem Workshop von Giornale Radio im Allianz MiCo im Rahmen der Intersections 2026. Seine Botschaft an die Radiomacher: Radio kann auch ohne Radiogerät Radio bleiben, solange die Maschinen wissen, wo sie es finden.
Von 80 Frequenzen zu 100.000 Streams
Lualdi beschrieb die Entwicklung in drei Stufen. Auf UKW war die Herausforderung technisch: unter rund 80 Sendern empfangbar sein. DAB+ brachte Multiplexe, Kennungen und Senderlisten mit bis zu 230 Einträgen. Im Streaming kommt ein neues Problem hinzu: unter etwa 100.000 Streams weltweit auffindbar zu sein. Mit auf dem Podium saßen Domenico Zambarelli, Herausgeber von Giornale Radio, Robert Förster von Radiozeit und Alessandro Musumeci von Fiat und Abarth.
US-Zahlen von Edison Research, die in der Session zitiert wurden, zeigen, wie sich Inhalt und Gerät voneinander lösen. Bei den 13- bis 34-Jährigen entfallen 70 Prozent der werbefinanzierten Audio-Hörzeit im Auto auf Radio. Doch im zweiten Quartal 2026 hat in derselben Altersgruppe das Smartphone das AM/FM-Radio als Zugang zu Audio im Auto überholt: 46 gegen 43 Prozent. In den USA lief bereits im ersten Quartal 2026 ein Anteil von 14 Prozent der linearen Radionutzung über die Streams der Sender, und 30 Prozent der wöchentlichen Hörer eines terrestrischen Senders hören ihn auch im Stream.

Die Stimme ändert die Spielregeln
Laut der Connected Car Study 2026 von Audacy wünschen sich 54 Prozent der Fahrer vernetzter Autos ein vollständig integriertes Sprachsystem. Unter denen, die Sprachbefehle schon nutzen, setzen 57 Prozent sie ein, um Radio, Musik oder Podcasts abzuspielen, und 50 Prozent, um neue Audioinhalte zu entdecken. Für Lualdi hängt alles von der Formulierung ab: Wer einen bestimmten Sender verlangt, gibt einen Befehl. Wer dagegen nach "einem Nachrichtensender" fragt, überlässt die Wahl einem Vermittler, der die Anfrage deutet, im Katalog sucht und entscheidet. Damit werden Name, Metadaten, Kategorie, Kennung und Verfügbarkeit des Streams selbst zum Teil der Verbreitung.
Er nannte Namen, die ihren Inhalt verraten, etwa Classic FM, 80s80s, Radio Rock oder JazzRadio, betonte aber, dass nichts beweist, dass ein Algorithmus sie bevorzugt. Gewarnt hat er dagegen vor Sternchen, Rautezeichen oder Ausrufezeichen in DAB+-Kennungen, mit denen Sender in alphabetischen Listen nach oben rutschen wollen: Im Raum Mailand nutzen mehr als 50 von rund 230 Sendern solche Zeichen. Was in einer optischen Liste hilft, kann bei einem System, das einen gesprochenen Namen verstehen muss, nach hinten losgehen.
Was das für Webradios bedeutet
Wenn du ein Webradio betreibst, das ohnehin komplett über IP läuft, sind diese Beobachtungen ein Fahrplan:
- Ein klarer, gut aussprechbarer Name: Verzichte auf Symbole und mehrdeutige Schreibweisen, die ein Sprachassistent nicht deuten kann.
- Sorgfältige Metadaten: Genre, Sprache, Land, Beschreibung und Logo sollten in jedem Verzeichnis und Aggregator einheitlich sein.
- Ein Stream, der immer läuft: Eine tote URL bedeutet einen Sender, der aus den Katalogen verschwindet.
- Dort präsent sein, wo heute die Favoriten liegen: eigene App, Aggregatoren, smarte Lautsprecher, CarPlay, Android Auto. Wie der Referent es zusammenfasste: Wer diesen Zugangspunkt kontrolliert, wird zum Vermittler.
Die Messung muss mitziehen
Zum Schluss ging es um plattformübergreifende Reichweitenmessung. In Kanada ersetzt Numeris in 22 lokalen Märkten das Online Radio Diary durch Radio Local+, das Streamingdaten, zwei Befragungen und statistische Modellierung kombiniert, mit vier statt zwei Veröffentlichungen pro Jahr. In Italien plant Audiradio ein SDK, um die digitale Nutzung zu erfassen. Lualdi rechnet damit, dass UKW, DAB+ und IP noch lange nebeneinander bestehen, wobei IP immer wichtiger wird. Abdeckung, Identifikation, Auffindbarkeit und Messung werden zu den vier Prioritäten aller Radioanbieter, Webradios eingeschlossen.
Quelle: FM-World