Eine alte Debatte unter Programmmachern
Soll ein Sender einen Song spielen, den die Streaming-Plattformen nicht bestätigt haben? Diese Frage spaltet die Musikchefs der amerikanischen Top-40-Sender, des sogenannten CHR-Formats, seit Jahren. In einer am 8. Oktober 2026 von RadioInsight veröffentlichten Analyse hat Berater Sean Ross (Ross on Radio) versucht, sie mit Zahlen zu beantworten: Er hat die Playlists der Marktführer mit denen der Sender verglichen, die hinterherhinken.

Eine Methode auf Basis der Spotify-Charts
Untersucht wurden die fünf bestplatzierten CHR-Sender in den Märkten, die Nielsen mit dem Portable People Meter (PPM) misst, laut Ranking des Quotenexperten Chris Huff: WNCI in Columbus (8,2 Marktanteil im August), KMXV in Kansas City (6,9), Z100 in New York, Q102 in Cincinnati und The River in Nashville. Dem gegenüber stehen vier Top-40-Sender mit weniger als 2 Punkten Marktanteil in ihrem eigenen Markt.
Die Einteilung ist bewusst einfach. Ein "Radio Record" ist jeder Titel, der am 27. September nicht in den Spotify Top 200 stand. Ein "Streaming-Song" ist ein Titel, der die Top 25 der CHR-Airplay-Charts noch nicht erreicht hat. Alles andere, von beiden Seiten getragen, bildet den Konsens-Block.
Drei Viertel Konsens, ein Viertel bewusste Entscheidungen
Bei den 20 meistgespielten Titeln der erfolgreichen Sender ist die Verteilung erstaunlich stabil:
- rund 75 % Songs, die sowohl im Radio als auch im Streaming funktionieren;
- 20 bis 25 % "Radio Records";
- oft nur ein Titel, also etwa 5 %, der vor allem vom Streaming getragen wird.
Konkret haben die Gewinner 4 bis 6 "Radio Records" unter 20 Titeln, die schwächeren Sender 5 bis 8. Der Unterschied ist real, aber klein, und der Autor warnt vor vorschnellen Schlüssen: Sechs Punkte Marktanteil hängen wohl an weit mehr als an ein paar Songentscheidungen. Er weist außerdem darauf hin, dass alle vier schwachen Sender jeweils der zweite CHR-Sender in ihrem Markt sind. Eine weitere wichtige Einschränkung: Viele dieser "Radio Records" sind Recurrents, die sich dank Hörerforschung halten, keine durchgedrückten Neuheiten.
Das eigentliche Risiko: Songs, die feststecken
Für Sean Ross gewinnt das Streaming also nicht immer. Er sieht aber ein anderes Problem: Viele Programmmacher verlangen, dass ein Song sowohl die Streaming- als auch die Airplay-Hürde nimmt, statt Hits zu erkennen, die auf einem der beiden Wege funktionieren. Die Folge: Manche Titel bleiben um Platz 11 hängen, weil es weniger große Veröffentlichungen gibt und weil Callout, also die telefonische Hörerbefragung, Zeit braucht. Ein oft genannter Ansatz ist, neue Titel früher konzentriert tagsüber zu spielen, um schneller zu wissen, ob sie tragen.
Was das für Webradios bedeutet
Für dein Musik-Webradio lassen sich diese Erkenntnisse direkt nutzen. Plattform-Charts einfach zu kopieren, garantiert kein Programm, das Hörer bindet, sie zu ignorieren aber auch nicht. Einige Anregungen:
- Baue den Kern deiner Rotation auf Konsens-Titeln auf und reserviere einen klaren Anteil für redaktionelle Entscheidungen.
- Behalte Titel im Blick, die feststecken, und trau dich, sie vor der Ermüdung herauszunehmen.
- Nutze deine eigenen Streaming-Statistiken (Hördauer, Abbrüche) als Ersatz für Callout.
- Lass Platz für Songs, die gezielt deine Community ansprechen.
Die Analyse kommt zu dem Schluss, dass weder Streaming noch Airplay einen Fahrplan liefern: Das Urteil der Programmmacher zählt mehr denn je.
Quelle: RadioInsight