Wie erreicht Radio junge Menschen in einer digitalen Welt, die von wenigen großen Plattformen geprägt ist, ohne sich von ihnen abhängig zu machen? Mit dieser Frage beschäftigen sich in dieser Woche rund hundert Medienprofis aus aller Welt im Medienzentrum des Südwestrundfunks (SWR) in Baden-Baden. Eingeladen hat die Europäische Rundfunkunion (EBU), der weltweit größte Zusammenschluss öffentlich-rechtlicher Medien.
Zwei Treffen direkt hintereinander
Auf einen ersten Austausch, der sich unter anderem um Gaming dreht, folgt am 14. und 15. Oktober eine zweite Tagung: das EBU Audio & Radio Futures Forum, bei dem in diesem Jahr die ARD Gastgeberin ist und der SWR organisiert. Das Forum, früher als „New Radio Day" bekannt, bringt jedes Jahr die Verantwortlichen für Innovation und Strategie aus den Radio- und Audiobereichen der Sender in Europa, Kanada und Australien zusammen. Die Besonderheit: Das Programm entsteht gemeinsam, alle Teilnehmenden bringen ihre eigenen Fragen mit.
Für SWR-Intendant Kai Gniffke bieten Gaming, KI und neue Audioangebote dem Publikum einen echten Mehrwert – deshalb lohne es sich, Fachleute aus ganz Europa für den Erfahrungsaustausch zusammenzubringen. Die Referentinnen und Referenten kommen unter anderem aus Armenien, Australien, Frankreich, Großbritannien, Kanada, Skandinavien und der Ukraine.

Abhängigkeit von Plattformen im Mittelpunkt
Christian Hufnagel, der den SWR als Gastgeber für die ARD vertritt, benennt das Problem klar: Wer heute digitalen Journalismus macht, ist auf Plattformen angewiesen, die eigene Regeln aufstellen und über die Sichtbarkeit der Inhalte mitbestimmen. Umso wichtiger sei es, voneinander zu lernen und gemeinsame Antworten zu finden.
Ein Blick von außen ergänzt die Diskussion. Maxi-Josephine Rauch, die an der Bauhaus-Universität Weimar zu digitalen Ökonomien forscht, leitet einen Workshop mit dem Titel „Digitale Umwelten". Sie fragt, welche Rolle der öffentlich-rechtliche Rundfunk in einer Welt voller Desinformation, Verzerrung und kommerzieller Algorithmen spielen kann – und ob er zu einem Debattenort werden kann, den private Plattformen nicht bieten.
KI: echter Fortschritt oder Hype?
Das Thema künstliche Intelligenz übernimmt die Journalistin Marie Kilg, die beide Seiten kennt: Sie hat bei Amazon Alexa KI-gestützte Audiofunktionen entwickelt und danach die KI-Strategie der Deutschen Welle verantwortet. Außerdem moderiert sie den KI-Podcast der ARD auf ARD Sounds. In Baden-Baden soll sie zeigen, wo KI Audioprodukte wirklich voranbringt und wo der Hype der Substanz vorauseilt – und was das für Jobs, Rollen und Strukturen im öffentlich-rechtlichen Radio bedeutet.
Was das für dein Webradio bedeutet
Die Gespräche richten sich zwar in erster Linie an große öffentlich-rechtliche Sender, die Themen betreffen aber auch dich als unabhängigen Online-Radiomacher direkt:
- Behalte deine Verbreitung in der Hand. Wenn sich schon die Großen des öffentlichen Audios um ihre Abhängigkeit von Algorithmen sorgen, ist ein kleines Webradio noch verwundbarer. Eine eigene Website, ein eigener Livestream und ein Eintrag in spezialisierten Verzeichnissen bleiben eine Absicherung gegen geänderte Plattformregeln.
- Sortiere bei KI aus. Der Ansatz „echter Fortschritt statt Hype" gilt für alle: Bevor du ein Tool einführst, prüf genau, was es deinem Programm oder deiner Produktion konkret bringt.
- Denk an junge Hörer. Dass sich die EBU mit Gaming beschäftigt, zeigt: Neue Generationen entdecken Audio abseits des Radiogeräts. Webradios sind oft flexibler, wenn es darum geht, hier etwas auszuprobieren.
Beide Tagungen sind als Austausch unter Fachleuten angelegt, die Höhepunkte gibt es aber als Video on Demand und auf den Social-Media-Kanälen von SWR und EBU – eine gute Gelegenheit, die Trends zu verfolgen, die das Audio von morgen prägen.
Quelle : RADIOSZENE